Französisches Gymnasium - Lycée Français de Berlin

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Lesung mit Ursula Krechel am Französischen Gymnasium, 5. März 2019: Spurensuche verlorener Erinnerungen

Thema: Events

Lesung am Französischen Gymnasium, 5. März 2019:
Spurensuche verlorener Erinnerungen

Ursula Krechel liest aus ihrem neuen Roman „Geisterbahn“ (erschienen im Verlag Jung und Jung, 2018) und diskutiert mit Schülerinnen und Schülern der 11. Klassen über ihr Buch und ihre Arbeit.

Die Preisträgerin des Deutschen Buchpreises 2012 stellte ihren neuesten Roman vor, der den dritten Teil einer Trilogie darstellt. Zuvor waren 2008 „Shanghai fern von wo“ und 2012 „Landgericht“ er-schienen.
Ein Teil der 11. Klassen hatte am 5. März am Französischen Gymnasium Gelegenheit, die Autorin kennenzulernen, ihr beim Lesen zuzuhören und im Anschluss Fragen zu stellen.
Dabei entstand ein sehr lebendiges Bild von den Intentionen der Autorin und den Themen der Trilo-gie, von der Vernichtung von Familienangehörigen in einem Land, das Menschen, in diesem Fall Angehörige der Sinti, für ihr Land gehalten hatten. Sie mussten aber feststellen, in welchem Ausmaß sie sich darin getäuscht hatten, wurden ausgegrenzt und als Fremde im eigenen Land mit dem Tod bedroht. Diejenigen, die ihr Leben retten konnten, merkten, dass sich trotz des Zusammenbruchs Deutschlands auch nach dem Krieg nicht viel für sie verbesserte.
Dieser verfolgten und ausgegrenzten Minderheit verleiht die Autorin auf ihre ganz eigene Weise eine Stimme und sie schildert in der Diskussion, dass es ihr wichtig war, eine Darstellungsweise zu finden, die nicht anbiedernd-übergriffig wirkt. Deutlich wurde auch, in welchem Umfang Recherchearbeiten nötig waren; viele Gespräche, Reisen, Suche nach Dokumenten mussten stattfinden, um die Umstände glaubwürdig gestalten zu können.
Interessant waren auch die Einblicke in die Arbeit am Text, die man sich eher wie bei einem Gemälde vorzustellen hat; das literarische Werk entsteht nicht unbedingt hintereinander weg, wird nicht not-wendig der Reihe nach gestaltet, sondern es kann vorkommen, dass man an einer Stelle feststeckt und dann an einer anderen weiterarbeitet. Die Struktur allerdings muss dabei bereits klar sein.
Frau Krechel liebt an ihrem Beruf, dass sie, im Unterschied zum Handeln in der Realität, beim Schrei-ben kaum an Regeln gebunden ist. Das ist der Freiraum, den Literatur bietet, als Autor keine Kom-promisse eingehen zu müssen.

Dr. S. Tröder-Reimers



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